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Erfahrungsbericht 1

Unser Sohn war bei seiner Geburt ein properes Kerlchen mit 9 Pfund  und es war eine „schwere“ Geburt. Er hat seinen Termin gleich um 14 Tage überzogen und  die Geburt dauerte auch noch mal 2 Tage. Er wurde dann ganz schön gezogen und hatte eine halbseitige Lähmung und vermutlich auch einen Sauerstoffmangel während der Geburt. Nach ca. 8 Wochen war die Lähmung weg und er wurde sehr anspruchsvoll. Nichts mit friedlich im Bettchen liegen und den Tag verschlafen. Nein, unser Sprössling wollte unterhalten werden. Er war eigentlich nur zufrieden wenn er etwas sah und mitbekam was um ihn herum abging. So wurde er allen orthopädischen Regeln zum Trotz schon nach wenigen Wochen im Kinderwagen abgestützt ,mit Kissen und Decken so hingesetzt, dass er seine Nase hochhalten konnte. Ansonsten war er motorisch eher etwas langsam fing aber schon sehr bald an zu reden. Mit einem Jahr sprach er ganze Sätze und mit 3 Jahren setzt er die Sprache schon so meisterlich ein, dass man mit ihm Diskussionen führen konnte und sehr aufpassen musste, dass er einen nicht über den Tisch zog. So hatte er schon im Kindergarten einen sehr schwarzen Humor und andere Kinder hatten große Schwierigkeiten , seine Satzkonstruktionen mit Konjunktiven gespickt nur zu erahnen. Er hatte eigentlich nur ältere Spielgefährten mit gleichaltrigen kam er einfach nicht zurecht. Welches Kindergartenkind mag schon als Lieblingsmusik Wagners „Ring der Nibelungen“ (Wir schätzten dies auch nicht sehr, wenn Sonntagmorgens um 6.30 Uhr die Stereoanlage voll aufgedreht wurde und dann der "Wallkürenritt" durchs ganze Haus schallte). Ansonsten war seine Kindergartenzeit nur durch Misserfolge und Frustrationen geprägt. Gleichaltrigen gegenüber war er oft sehr aggressiv und manchmal wenn er verbal nicht weiterkam schlägerte er auch. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass wir weder bei den anderen Müttern gern gesehen waren, noch zu Kindergeburtstagen oder ähnlichem eingeladen wurden. Wir hofften, dass es mit der Schule etwas besser werden würde. Die ersten 2 Jahre in der Grundschule liefen so lala, wir erfuhren allerdings, dass er wohl eine Lese-Rechtschreib-Schwäche und sowohl grob- wie auch feinmotorisch große Defizite hatte (wir hatten schon  3 Jahre Ergotherapie hinter uns und begannen mit der 3. Klasse mit einer privaten Legasthenieförderung).  Er erzählte wenig von der Schule außer es sei ganz gut. Freunde oder Schulkameraden hatte er nach wie vor nicht. Bei dem ersten Elternabend in der 3. Klasse eröffnete mir seine Klassenlehrerin dass unser Sohn im Unterricht schlafe, die Füße hochlegte, malte oder auch bei Diktaten schon mal ein Liedchen sang. Die Konsequenz wäre eine andere Schulform , da sie ihn in der Regelschule als nicht beschulbar ansah. Sie musste zwar einräumen, dass seine Leistungen auch ohne Aufschrieb durchschnittlich oder auch darüber waren, aber so jemand könne sie nicht unterrichten. Er würde jetzt schon an einem Sondertisch sitzen und viel Zeit vor der Tür verbringen. Mit einer Referendarin hatte er „Dauerzoff“ und der Knabe schaukelte die Lehrerin in Spe immer in Situationen mit denen sie nicht zurecht kam. Er duzte sie mit Absicht (obwohl er schon im Kindergarten den Unterschied zwischen Du und Sie genau kannte) und meinte auch mal zu Ihr: Wenn ich kann, lasse ich Dich durch die Lehrprobe fallen , da Du mehr an die Kinder denken solltest anstatt an Deine Karriere“ (Er wurde  dann bei der Lehrprobe auch in eine andere Klasse verbannt)   Kurzum für unser Söhnchen schien die Schullaufbahn auf der Sonderschule zu enden.  Fassungslos stand ich bei unserem Kinderarzt und heulte ihm die Ohren voll. Dieser verwies uns dann ins "Olgäle". Die Psychologin hörte sich alles an, auch meine zaghafte Anfrage ob unser Sohn vielleicht auch unterfordert sein könnte. Die erste Antwort war : „Nicht jedes Kind ist ein kleiner Einstein, auch wenn Mütter dies immer gern glauben würden.“ Sie könne auch nicht Balletttanzen  und man müsse sein Kind eben auch lieben wenn es nicht so klug sei.  Heute Abend wüssten wir es dann. Abends meinte diese Psychologin sie bräuchte noch mehr Tests. Am nächsten Tag meinte sie es gäbe da bei den Tests noch einige Ungereimtheiten so dass sie am morgigen Tag   erst einen  abschließenden Bericht abgeben könne. Diese Psychologin war dann total hin und weg. Sie hätte selten ein so unterschiedliches Ergebnis bei den einzelnen Tests gehabt wie bei unserem Sohn. Er hatte deutlich unterdurchschnittlich in allen graphomotorischen Teilen abgeschnitten. Sein räumliches Vorstellen und alles was mit Bewegung und deren Umsetzung zu tun hatte war sehr schwach. Sein mathematischer Teil war durchschnittlich aber der Verbalteil und alles was sprachlich analytisch war, war in einem sehr, sehr hohen Bereich. Sie meinte sogar dass eine „Sonderschule“ unumgänglich sei, allerdings in die andere Richtung, nämlich  zur Begabtenförderung. Trotz der Defizite hatten wir nun schriftlich- unser Sohn war hochbegabt. Doch was sollten wir nun mit dieser Diagnose anfangen? In der Schule war zwar die Sonderschule vom Tisch aber besser ging es unserem Sohn immer noch nicht. Die Rektorin meinte, dass man seine Hochbegabung nicht so sehr herausstellen sollte und schließlich wären 98% der Bevölkerung normal und er müsse sich halt anpassen. Ich sammelte alles was ich über Hochbegabung erfahren konnte und bekam über Kiss  dann die Adresse von einer Selbsthilfegruppe  der „Stuttgarter Gruppe“ Wir nahmen dann gleich an der Weihnachtsfeier teil und es war ein Erlebnis sowohl für unser Kind als auch für uns. Das erste mal war er einer unter vielen. Hier mussten wir uns für ihn nicht ständig entschuldigen denn er hatte keinerlei Probleme mit Kleinen, Gleichaltrigen oder Großen auszukommen. Es war so eine entspannte Atmosphäre in dieser Gemeinschaft. Wir lernten Eltern kennen, die genau die gleichen Probleme mit ihren Kindern hatten. Hier mussten wir nicht verschämt umschreiben welche Probleme man mit Hochbegabung haben kann. (Unser Freundeskreis reagierte auf die Hochbegabung höchstens verschnupft und die Reaktionen reichten von Spott bis zu dem Hinweis unser Kind sei vielleicht nicht doof aber sicher verhaltensgestört) Hier bekamen wir Informationen über Therapieformen oder Hilfen wie es weiter gehen könnte. Jetzt fanden wir auch den Mut eine andere Schule für ihn zu suchen. Eine Montesorri-Schule war in einem Neubaugebiet in unserer Nähe entstanden und hier meldeten wir ihn dann an. Es war ein Glücksfall. Hoch motivierte Lehrer und eine sehr aufgeschlossene Rektorin dazu noch eine Klassenstärke von 17 Kindern. Aus pädagogischen Gründen wiederholte er dann die 3 Klasse allerdings bekam er immer wieder Sonderaufgaben die ihn bei der „Stange“ hielten. Mitte des Schuljahrs allerdings hatten wir ein langes Gespräch mit seiner Lehrerin und die meinte man sollte unseren Sohn mal auf ADS testen. Wir also wieder zum Kinderarzt und wieder testen. Nach vielen Tests und Videoaufnahmen wussten wir dass unser Knäblein nicht nur hochbegabt  war, sondern auch 9 von 10 ADS Merkmalen erfüllte. Viele Diskussionen folgten,  auch mit Mitgliedern der „Stuttgarter Gruppe.“ Sollten wir unseren Sohn mit „Drogen“ ruhig stellen oder ging es auch ohne? Zwischenzeitlich hatten wir mit auch erfahren, dass er  sehr große Probleme mit den Augen hatte (er hatte einen Schielwinkel von über 63°) Prismenbrille ja oder nein? Alles war so schwierig. Mittlerweile hatte sich eine echte Freundschaft mit einigen Eltern von der „Stuttgarter Gruppe“ aufgebaut.

Stundenlange Telefonate und Aufbauarbeit, Trost und Zuspruch ließen uns diese Zeit einigermaßen überstehen. Wir haben uns dann doch für Ritalin entschieden. Die Lehrerin hat uns super unterstützt und jeden Tag, zumindest 5 Minuten Zeit mit uns gesprochen, wie das Verhalten unseres Sohnes war, so dass es uns recht schnell gelang  eine akzeptable Dosis zu geben. Auch die Augen ließen wir in Koblenz operieren (Adresse des Augenarztes hatten wir natürlich auch über die Gruppe erhalten) Nach der OP kam er 1 Jahr ganz ohne Brille aus dann  gaben wir ihm wieder Prismen und heute braucht er keine Prismen mehr. Es ging ihm einfach gut. Sein Verhalten zur „normalen“ Umgebung wurde besser und auch die Lehrerin war zufrieden. In der 4. Klasse hatte er dann aber einen Einbruch. Als es um die Grundschulempfehlung ging, fehlten ihm 2 Zehntel fürs Gymnasium. Die Lehrerin hatte uns beim Gespräch gesagt dass sie unseren Sohn auf dem Gymnasium sehe. Zuerst ruhte er sich auf diesem Freibrief aus und  dann  hatte er plötzlich soviel Selbstzweifel, dass er es nicht schaffen könne und die anderen wären alle viel besser und so weiter. Auf Drängen seiner Lehrerin gingen wir dann noch in das Beratungsgespräch mit dem selben wackligen Ergebnis. Wir waren aber dann soweit dass wir ihn auf die Realschule anmeldeten. Wir gingen sehr offen mit den Lehrern um dies war aber nicht unbedingt zum Vorteil für unseren Sohn. Eine Lehrerin sagte auch, sie gebe nichts auf Gutachten, für sie sei er nur ein vorlauter Schwätzer mit etwas angelesener Bildung. Er, der Bildung wie ein Schwamm aufsog, durfte z.B. nicht an der Kultur AG teilnehmen, da diese nur für Schüler der Klassenstufe 9 + 10 seien. Auf unseren Einwand dass er sowohl die großen Theater wie auch viele Galerien  durchaus von innen kenne und auch schon viel gemacht habe, meinte diese Lehrerin dass es aber nicht angehen  könne dass ein kleiner 5er vielleicht ihre 10er in die Tasche stecken könnte. Leider hat er diese Lehrerin auch in Deutsch. Er dessen größte Stärke immer die Sprache war, kam in Aufsätzen nicht mehr über eine 3 hinaus. Und objektiv betrachtet werden seine Aufsätze auch wirklich immer schlechter. Über die Schule bekommt er keine Anerkennung. Schulisch ist er furchtbar faul und arbeitet nur in Fächern die ihn interessieren gut mit, so sind auch seine Noten. Wenn er abrutscht und wir sehr stressen sieht er sich veranlasst ein klein wenig zu tun so dass es gerade wieder reicht und wir uns wieder beruhigen. Seine Anerkennung holt er sich über außerschulische Aktivitäten. Er ist sehr aktiv im Jugendrotkreuz  und ist hier Kinderbotschafter von Stuttgart. Hier unter älteren kann er „schwafeln“ und über die Kinderrechte referieren . Er ist zwar mit Abstand der Jüngste aber dies macht er mit seiner großen Klappe spielend wieder wett. Momentan ist er trotz Pubertät recht verträglich. Wie es weiter geht können wir momentan nicht sagen und ob irgendwann der „Knoten“ platzt können wir nur hoffen. Jedenfalls sind wir jetzt in fast normalem „Fahrwasser“ Unaufgeräumte Zimmer, motzige Antworten und allgemeine Faulheit sind sicher ein ganz normales Erscheinungsbild bei einem Teenager. Zumindest denken wir, dass es mit unserem hochbegabten „Schulversager“ mit ADS und Winkelfehlsichtigkeit bisher keinen Tag gab an dem es uns langweilig gewesen wäre und für die Zukunft wird es sicher spannend bleiben.

 

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