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Erfahrungsbericht 3 Oktober
2005: Heute möchten wir uns vorstellen. Wir, das sind Vater, Mutter und unser Sohn. Wir wohnen
jetzt in einer Stadt, südlich von Stuttgart. Unser Sohn, nun neun Jahre, ist
seit seinem ersten Lebensjahr in einer Ganztageseinrichtung gewesen. Mit ungefähr zwei Jahren hat er begonnen, dort die Kinder
an den unmöglichsten Stellen (Kinn, Oberschenkel) zu beißen, obwohl er sich zu
diesen Zeitpunkt schon sehr gut artikulieren konnte. Seit dieser Zeit haben wir
mit den Erzieherinnen und später mit den Lehrerinnen immer wieder Gespräche
geführt. Als unser Sohn vier Jahre alt war, sind wir von
Sachsen-Anhalt nach Stuttgart umgezogen. Dort haben wir auch einen
Kindergartenplatz in einer Ganztageseinrichtung bekommen. Die Probleme gingen
weiter. Unser Sohn hat oft allein gespielt. Seine Ohren haben aber alles
mitbekommen, z.B. die Gespräche unter Erzieherinnen. Schon im Kindergartenalter hat er sich für Technik und
Mathematik interessiert. Die Kindergärtnerin hat uns geraten, dass wir unseren
Sohn wegen ADS testen lassen sollten. Gesagt, getan. Die Tests bei unserem Kinderarzt gingen über
mehrere Wochen. Als unser Sohn sechs Jahre alt war, haben wir das Ergebnis
erhalten: ADHS. Zur gleichen Zeit habt er mit einer Ergotherapie begonnen. Die
Therapie lief fast zwei Jahre. Der gewünschte Erfolg blieb aus. Unser Sohn kam in die Schule. In der ersten Klasse ging es
alles weiter (kaspern, unter den Tisch krauchen, Wutanfälle, Hortnerin in den
Arm beißen, usw). Es folgte eine schulische Anhörung zwischen Lehrerin,
Hortnerin, Schulleiter und uns. Sie haben uns angedroht, wenn unser Sohn sein
Verhalten nicht ändert, wird er für zwei Wochen von der Schule ausgeschlossen.
Wir mussten zu einem Gespräch in das zuständige Oberschulamt. Für wen wäre
der Schulausschluss eine Strafe? Bestimmt nicht für einen Erstklässler,
sondern für seine vollberufstätigen Eltern! Zum Glück kam es nicht soweit.
Der Psychologe vom Oberschulamt teilte uns mit, dass die Schule übertrieben
hat. Unser Sohn sei pfiffig und ließe sich gut steuern. Wir haben dann im
Nachbarort eine Ganztagesschule gefunden. Da ich zeitgleich meine Arbeitsstelle
dorthin verlegt hatte, war es dann kein Problem. Das Staatl. Schulamt stimmte
dem Schulwechsel zu. Wir haben mit dem Kinderarzt über die Konflikte
gesprochen. Er sagte uns, dass wir unserem Sohn jetzt doch Tabletten geben müssten,
sonst würde er noch kriminell. Er bekam also mit knapp sieben Jahren „Medikinet“.
Mit diesen Tabletten war er apathisch und hatte Stimmungsschwankungen. Wie
vermutet gingen die sozialen Konflikte auch in der neuen Schule weiter. Es ist
eine Schule, in der die 1. und 2. Klasse zusammen unterrichtet werden. Dort
konnte unser Sohn also vorarbeiten und Zweitklässleraufgaben erledigen. Aber
immer wieder gab es mit der Lehrerin und der Hortnerin Gespräche. Eine Kollegin von mir hat unseren Sohn mit sechs Jahren
kennen gelernt. Sie hat mir gesagt, ich solle ihn doch einmal auf
„Hochbegabung“ testen lassen. Ich dachte mir, was soll das bringen? Also
habe ich nichts unternommen. Da ich mit meinen Latein und meinen Nerven absolut am Ende
war, habe ich eine Mutter-Kind-Kur beantragt. Während dieser Kur wurde unser
Sohn auf „Concerta 18mg“ umgestellt. Seine Stimmungsschwankungen waren weg.
Im Gespräch mit der Psychologin wurde mir gesagt, dass unser Sohn
wahrscheinlich hochbegabt sei. Wir sollten ihn doch testen lassen! Nach der Kur
habe ich wieder einen Termin mit dem Oberschulamt vereinbart und er wurde dort
getestet. Das Ergebnis war überdurchschnittlich, aber nicht hochbegabt.
„Gutes Ergebnis“, dachte ich mir. Eine Hilfe für unseren Alltag war es
trotzdem nicht. Daraufhin habe ich unseren Sohn in einem Kinderkrankenhaus
in Stuttgart angemeldet. Ich wollte endlich wissen, wie wir ihm helfen können!
Der Psychologin dort, habe ich über alle Berichte und unsere bisherigen Aktivitäten
berichtet (Ergotherapie, Mutter-Kind-Kur und dass der Hochbegabungstest negativ
ausfiel). Nachdem sie unseren Sohn persönlich kennen gelernt hatte, stellte sie
ihm eine schwierige Mathe-Aufgabe. Natürlich hat er sie gelöst! Daraufhin hat
sie leise vor sich hin gesagt: „Das bestätigt meine Vermutung!“ Ich dachte,
was soll das jetzt für eine Anspielung? Unser Sohn wurde wieder getestet,
dieses mal ohne Tabletten. Ergebnis: der durchschnittliche IQ beträgt 130.
Einfache Sachen waren allerdings auch unterdurchschnittlich. Nun sollte unser Sohn in einer Gruppentherapie das soziale
Verhalten lernen. Jetzt ist er schon fast ein Jahr in dieser Therapie. Die
Kosten für die Langzeittherapie wurden von der Krankenkasse übernommen. Obwohl unser Sohn seit seinem ersten Lebensjahr in
Ganztageseinrichtung ist, hat er das soziale Verhalten unter Gleichaltrigen noch
nicht gelernt. Leider ist sein Freund, etwas älter wie unser Sohn, im Verhalten
aber so ähnlich, aufs Gymnasium gekommen. Deswegen spielt oder liest unser Sohn
im Hort allein und kann immer noch keinen guten Kontakt zu anderen Kindern
aufbauen. Die Möglichkeit eine Klasse zu überspringen, haben wir
verpasst. Von der zweiten Klasse in die vierte Klasse springen war uns zu
riskant. Da es in der vierten Klasse ja entscheitend für die weitere
„Schulkarriere“ wäre. Die Lehrerin hatte uns gesagt, dass er im Unterricht
nicht unterfordert sei. Es hat sich zwar schon gebessert, aber zufrieden können
wir noch nicht sein. Mit Erwachsenen und älteren Kindern hatte unser Sohn keine
Probleme. Durch meine Kollegin, die mich als Erste auf das Thema „Hochbegabung“ angesprochen hatte, sind wir dann zur „Initiative zur Förderung hochbegabter Kinder“ gekommen.
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